Aktuell: EU Gender Equality Plan und die steirische F&E

Die Steiermark nimmt in Österreich eine Spitzenrolle im Bereich Forschung, Entwicklung und Innovation ein. Die F&E-Quote der Steiermark hebt sich deutlich von den anderen Bundesländern ab und rd. ein Fünftel der österreichischen Beteiligungen am letzten EU-Forschungsrahmenprogramm Horizon 2020 wurde durch steirische Forschungsunternehmen verzeichnet (nähere Informationen finden sich im Artikel „Horizon 2020 in der Steiermark: ein Rückblick“).

Aktuell ergibt sich mit dem vermehrten Fokus auf das Thema Diversität und dabei vor allem auf die Gleichstellung der Geschlechter eine neue Herausforderung für die F&E-Institutionen in der Europäischen Union – und somit auch in der Steiermark: In Bezug auf die Gleichstellung der Geschlechter weist die EU auf bestehende strukturelle Hindernisse hin und sieht die nach wie vor bestehende Notwendigkeit hinsichtlich der besseren Umsetzung der EU-Gleichstellungsziele seitens der Forschungs- und Innovationseinrichtungen in der gesamten Union.

Vor dem Hintergrund des Ziels verbesserter Inklusion und Geschlechtergerechtigkeit sind neben den internen Kräften und Motivatoren, die innerhalb der F&E-Institutionen auf einen strukturellen Wandel zu mehr Vielseitigkeit hinarbeiten, für die Fortschritte im Bereich Diversität auch äußere Kräfte und Rahmenbedingungen von wesentlicher Bedeutung, um den Prozess des strukturellen Wandels in der Praxis anzustoßen und auch in Gang zu halten. Umso vorteilhafter ist es daher, wenn dieser Prozess auch auf politischer Ebene unterstützt wird. Ein wichtiger Rahmen ist jener der Europäischen Union und dabei die Europäische Forschungspolitik.

WIE WILL DIE EU GLEICHSTELLUNG UND DIVERSITÄT IN DER F&E UNTERSTÜTZEN?

Horizon Europe ist als Forschungsrahmenprogramm der EU, das zwischen 2021 und 2027 Forschungs- und Innovationsprojekte mit einem Volumen von 95,5 Milliarden Euro fördern wird, die umfassendste Förderquelle für Forschung, Entwicklung und Innovation auf EU-Ebene, und stellt auch für die F&E-Einrichtungen in Österreich sowie der Steiermark eine wichtige Finanzierungsmöglichkeit dar.

Für mehr Gleichstellung im Bereich Gender hat die Europäische Kommission in der aktuellen EU-Gleichstellungsstrategie (2020-2025) festgeschrieben, dass neue Maßnahmen zur Stärkung der Gleichstellung der Geschlechter in Horizon Europe eingeführt werden sollen. Im Sinne einer nachhaltigen sozialen Transformation zu mehr Vielfalt nutzt die Europäische Kommission somit das Programm Horizon Europe als Hebel hin zu mehr Gleichstellung und Chancengleichheit.

In Horizon Europe gilt die Geschlechtergleichstellung als ein wesentliches Querschnittsprinzip und zielt darauf ab, geschlechtsspezifische Ungleichheiten und damit zusammenhängend auch die sozioökonomischen Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen in den Forschungs- und Innovationssystemen zu beseitigen. Wichtig dafür ist ein Strukturwandel zur Beseitigung systemischer struktureller Hindernisse.

Folgendes soll im Rahmen von Horizon Europe umgesetzt werden:

  • Eine verbesserte Integration der Dimension Gender in die Forschungsinhalte von Horizon Europe.
  • Eine ausgewogene Gender-Balance in Bewertungs- und Beratungsgremien sowie in den Forschungsteams, die an den Projekten arbeiten.
  • Eine Initiative, mit der von Frauen geführte Unternehmen geförderten werden sollen und die Zahl der neu gegründeten, weiblich geführten Technologieunternehmen erhöht werden soll.
  • Die verpflichtende Vorlage eines Gender Equality Plans für Forschungsinstitutionen als Voraussetzung, um Projekte in Horizon Europe einreichen und somit Fördermittel erhalten zu können.

Die verpflichtende Erstellung und Umsetzung eines Gender Equality Plans ist dabei eine markante Neuerung.

WAS IST EIN GENDER EQUALITY PLAN?

Ein Gender Equality Plan (Gleichstellungsplan, GEP) ist ein Dokument mit dem Bekenntnis der jeweiligen Institution zur Gleichstellung der Geschlechter, das klare Ziele sowie detaillierte Aktionen und Maßnahmen zur Erreichung dieser Ziele festlegt. Der Gender Equality Plan zielt auf Folgendes ab:

  • Ermittlung von geschlechtsspezifischer Voreingenommenheit
  • Ermittlung und Umsetzung von Strategien, um dieses Ungleichgewicht zu korrigieren
  • Definition von Zielen und Überwachen von Fortschritten

Viele steirische Forschungsinstitutionen haben bereits einen Gender Equality Plan, der aktuell in Kraft ist, wie zum Beispiel die Universität Graz, die TU Graz oder Joanneum Research. Diese Gleichstellungspläne waren bislang allerdings nicht als dezidierte Voraussetzung für EU-Projekteinreichungen vorgesehen. Zudem gehen die neuen Erfordernisse an die Gleichstellungspläne mit einem deutlich höheren Detailliertheitsgrad sowie einer Vielzahl an zu erfüllenden Punkten einher. Die Gleichstellungspläne erhalten dadurch in ihrer Planung sowie auch in ihrer Umsetzung deutlich mehr Gewicht innerhalb der Forschungseinrichtungen.

Die Themen der neuen Gender Equality Plans orientieren sich an den folgenden Interventionsfeldern:

  • Work-Life-Balance, Organisationskultur und strukturelle Verankerung von Geschlechtergleichstellung
  • Gender Balance in Führung und Entscheidungsfindung
  • Geschlechtergleichstellung in Recruiting und Karriereverlauf
  • Integration der Gender-Dimension und Intersektionalität in Forschungs- und Lehrinhalte
  • Maßnahmen gegen geschlechtsspezifische Gewalt einschließlich sexueller Belästigung

Diese empfohlenen Felder sollen durch konkrete Maßnahmen und Zielsetzungen adressiert werden.

Empfohlene Interventionsfelder des Gender Equality Plans
Quelle: Europäische Kommission.

Die Europäische Kommission gibt mehrere verpflichtende Elemente für die Erstellung eines Gender Equality Plans vor. Dadurch wird dem Prozess der Erstellung sowie der Durchführung des Gender Equality Plans großes Gewicht innerhalb der F&E-Institutionen verliehen.
Verpflichtende Elemente des Prozesses eines Gender Equality Plans sind:

  • Publikation: Es ist ein formales, von der Geschäftsführung der F&E-Einrichtung zu unterzeichnendes Dokument, zu veröffentlichen (zugänglich z.B. über die Website, Verbreitung auch innerhalb der Institution)
  • Ressourcen: Für die Arbeiten an der Entwicklung, an der Umsetzung und am Monitoring des Gender Equality Plans sind Ressourcen (Personal, Wissen, Budget) einzuplanen und zur Verfügung zu stellen.
  • Daten: Basisdaten zur Ausgangssituation sind geschlechterspezifisch über alle Beschäftigtenkategorien hinweg zu erheben. Die erhobenen Daten sollen in die Ziele des Gender Equality Plans und in die Bewertung der Fortschritte einfließen.
  • Trainings: Mit Hilfe von Aus- und Weiterbildung soll Awareness bei Beschäftigten und Führungskräften zu gleichstellungsrelevanten Themen, wie z.B. zu unbewussten Gender-Vorurteilen (unconscious bias) oder Integration von Diversität in Forschungsfragen, erstellt und Kompetenzen aufgebaut werden.

Somit ist ein Gender Equality Plans ein Dokument, aber auch gleichzeitig ein Prozess, um den strukturellen Wandel in den Forschungsinstitutionen zu unterstützen.

ZIELE UND ERWARTETE WIRKUNG DES GENDER EQUALITY PLANS

Derzeit arbeiten viele steirische Forschungsinstitutionen an der Erstellung ihres Gender Equality Plans. Für die nachhaltige Einführung und Realisierung eines Gender Equality Plans ist es jedenfalls wichtig zu beachten, dass dieses Vorhaben im Sinne eines bottom-up Prozesses eine breite Einbindung sämtlicher strategischer sowie operativer Ebenen einer Institution aufweist (Führungskräfte, Mitarbeitende, Entscheidungsträger/innen). Ein nachhaltiger Prozess wird dabei idealerweise von den Mitarbeitenden getragen, von der Führungsebene unterstützt und steht mit den Unternehmenszielen in Einklang.

Ziel der Umsetzung der Gender Equality Plans in der F&E ist es, das europäische Forschungs- und Innovationssystem zu verbessern, ein geschlechtergerechtes Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem sich alle Talente entfalten können, und die Geschlechterdimension besser in die Projekte zu integrieren, um die Qualität der Forschung und damit die gesellschaftliche Relevanz der gewonnenen Erkenntnisse, Technologien und Innovationen zu verbessern.

Die Maßnahmen zur Förderung der Gleichstellung von Frauen und Männern im Rahmen von Horizon Europe ergänzen die Maßnahmen anderer Programme wie ERASMUS+, wobei starke Synergien mit der transformativen Agenda der Hochschuleinrichtungen, mit den europäischen Hochschulallianzen sowie mit den Programmen des Kohäsionsfonds und dem Programm „Bürgerinnen und Bürger, Gleichstellung, Rechte und Werte“ bestehen. Aus den Maßnahmen zur Förderung der Gleichstellung der Geschlechter in Forschung und Innovation im Rahmen von Horizon Europe wird ein direkter Beitrag zum UN-Nachhaltigkeitsziel (SDG) 5 “Gleichstellung der Geschlechter und Teilhabe der Frauen” erwartet, sowie auch ein indirekter Beitrag zu allen anderen UN-Nachhaltigkeitszielen, da die Gleichstellung der Geschlechter eine notwendige Grundlage für alle UN-Nachhaltigkeitsziele darstellt.

Quellen:
Europäische Union (2021): Gender Equality – A Strengthened Committment In Horizon Europe. URL: https://ec.europa.eu/info/sites/default/files/research_and_innovation/strategy_on_research_and_innovation/documents/ec_rtd_gender-equality-factsheet.pdf. Zugegriffen: 09/2021.

Europäische Kommission (2021): Gender equality in research and innovation: The Commission’s gender equality strategy. URL: https://ec.europa.eu/info/research-and-innovation/strategy/strategy-2020-2024/democracy-and-rights/gender-equality-research-and-innovation_de. Zugegriffen: 09/2021.

Europäische Kommission (2020): Eine Union der Gleichheit: Strategie für die Gleichstellung der Geschlechter 2020-2025. Mitteilung der Kommission an das Europäische Parlament den Rat, den europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss und den Ausschuss der Regionen. Brüssel, den 5.3.2020 COM(2020) 152 final.

Europäische Kommission (2020): Hin zu einer Union der Gleichheit: Strategie für die Gleichstellung der Geschlechter 2020-2025. URL: https://ec.europa.eu/info/sites/default/files/aid_development_cooperation_fundamental_rights/gender_equality_strategy_factsheet_de.pdf. Zugegriffen: 09/2021.

09/2021